Zu sehen ist ein Rangierbahnhof während eines Sonnenuntergang. Gleise verlaufen bis zum Horizont.

100 Tage Korridorsanierung Hamburg–Berlin: Befürchtungen bestätigt – und “Winter is Coming”

Die ersten 100 Tage der neunmonatigen Vollsperrung zwischen Hamburg und Berlin sind geschafft. In der Branche will sich nicht so recht Entspannung einstellen, denn auf anfängliche „Kinderkrankheiten“ folgte zügig die Erkenntnis, dass Probleme nicht nur Anfangs auftreten werden. Güterzüge müssen während der Vollsperrung über mehrere, schon im Normalfall hoch belastete und teils ihrerseits als Sanierungsfall geltende Strecken umgeleitet werden. Neben den schon im normalen Umleiterverkehr anfallenden Mehrkosten und Organisationsproblemen verursachen Störungen auf den Umleiterstrecken besonders großes Chaos. Die versprochene „vorlaufende Instandhaltung“ sollte das umliegende Netz und insbesondere die Umleiterstrecken zuverlässiger als üblich machen. Tatsächlich zeigt sich nach 100 Tagen: Die Auswirkungen der Korridorsanierung werden zu einem Dauerstresstest für die Verkehre in Norddeutschland.

Wie fragil das Umleiterkonzept ist, zeigte etwa eine gerissene  Oberleitung am Nordrand von Uelzen Ende September. Für 30 Stunden konnte sowohl der reguläre als auch der hier entlang geführte Umleiterverkehr von Hamburg nach Hannover sowie Stendal/Berlin und umgekehrt nicht auf der Strecke fahren. Im Personenverkehr wurden viele Züge ersatzlos gestrichen, im Güterverkehr noch weitere Umleiterwege gefahren. Allein ein einziges norddeutsches EVU musste 17 neu disponieren – rund 1.270 zusätzliche Zugkilometer in nur anderthalb Tagen. Eine einzige Havarie genügte, um die gesamte Umleiterlogistik aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Anfang Oktober folgte dann eine weitere Woche der Zuspitzung: Eine Vielzahl an kurzfristigen Störungen (weitere Oberleitungsrisse, ein abgebranntes Stellwerk, gebrochene Weichen u. a.) und geplanten Baustellen überschnitten sich mit der ohnehin weiterlaufenden Korridorsanierung zwischen Hamburg und Berlin. Immer wieder bremsen kurzfristige Instandhaltungen und technische Störungen die ohnehin dünne Reserve des Netzes aus. Wo Züge über Umleiterstrecken rollen sollen, reihten sich Sonderzugverbote, Eingleisigkeit und in Folge Zugausfälle und Rückstaus aneinander. Gerade im Hamburger Hafen können Rückstaus besonders perfide sein, denn nicht abtransportierte Güter bedeuten auch weniger Platz für andere Güter – mit entsprechenden Folgen für die sogenannten Umläufe der Zuggarnituren und die Transportketten.

Problemzonen auf Strecken rund um die Korridorsanierung Hamburg-Berlin

Davon unabhängig ist auch die Kritik an der Dauer der Totalsperrung nicht abgeebbt.. Angesichts der vorlaufenden Maßnahmen, für die die Strecke schon 2024 für vier Monate voll gesperrt war, sprachen Branchenvertreter:innen daher von einer „Sperrung mit Anlauf“ fragten sich, ob neun Monate Sperrung wirklich gerechtfertigt sind. Ende 2023 hatte die DB bekanntgegeben, dass die Dauer der jetzigen zweiten Sperre von fünf auf neun Monate erhöht werden müsse. Kurz danach hat sie aber offenbar den Umfang der geplanten Maßnahmen reduziert.

Mit Blick auf den Winter steht die DB InfraGO nun vor einem Härtetest: Das Entstörungsmanagement auf den Umleiterstrecken wird zur Nagelprobe für das gesamte Konzept. Schon eine einzige technische Störung oder ein ungewöhnlich harter Wintereinbruch könnte reichen, um den Güterverkehr zwischen Nord und Süd erneut lahmzulegen.

Nach 100 Tagen bleibt als Zwischenfazit: Das Management der Sperrung zwischen Hamburg und Berlin ist weiterhin für die Eisenbahnverkehrsunternehmen und die Öffentlichkeit undurchsichtig. Auch das Umleiterkonzept  zeigt die befürchteten Schwächen und lässt die Skepsis stets mitfahren. Die DB InfraGO muss, das haben in den vergangenen Wochen auch Vorfälle in anderen Bundesländern gezeigt, im Störfall ihre Kommunikationswege zu den EVU besser koordinieren, um diese nicht ohne Informationen zurückzulassen. Der Bund muss gleichzeitig sein Unternehmen stärker kontrollieren und Pläne der InfraGO von Expert:innen prüfen lassen. Es sind noch einige Korridorsperrungen mit heiklen Umleiterkonzepten geplant. Die betroffenen Eisenbahnverkehrsunternehmen können die beschriebenen finanziellen und organisatorischen Belastungen und Unsicherheiten nicht stemmen. Aus der Sanierung kann so schnell ein Risiko für die Leistungsfähigkeit des gesamten Schienengüterverkehrs werden – mit entsprechenden Folgen, wenn Verkehre auf die Straße abwandern.

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