Korridorsanierung

Recherchen zum Deutsche-Bahn-Projekt der Korridorsanierung

Worum geht es?

Die Schieneninfrastruktur ist in einem desolaten Zustand. Während die Fahrgastzahlen und Mengen transportierter Güter in den vergangenen 20 Jahren fast kontinuierlich stiegen, wurden im Schienennetz sogar Gleise, Weichen und weitere essenzielle Infrastruktur abgebaut.

Am 22. Juni 2022 kündigte die Deutsche Bahn das Konzept der Korridorsanierung an. Der damalige Bundesverkehrsminister Volker Wissing bestärkte den Plan und erklärte die Ertüchtigung des deutschen Schienennetzes in der Bundespressekonferenz zur „Chefsache“.

Das Projekt hat mit der Riedbahn, deren Sanierung Ende 2024 fertiggestellt wurde, begonnen. Jahr für Jahr sollen weitere Korridore folgen.

Statt wie bisher die Sanierung „unterm rollenden Rad“ durchzuführen – das heißt im laufenden Betrieb – wird auf ausgewählten hochbelasteten Strecken ein anderes Konzept angewendet: Keine häufigen, kurzzeitigen Sperrungen, die nur einzelne Maßnahmen zulassen, sondern kilometerlange Abschnitte vollsperren, um alle notwendigen Maßnahmen „in einem Rutsch“ umzusetzen.

In Gesprächen mit der Schienenbranche hat die DB ihre Überlegungen vorgestellt, bis einschließlich 2036 das Konzept auf 42 Korridoren mit im Schnitt 100 Kilometern Länge anwenden zu wollen. Auch wenn die schwarz-rote Koalition einige Abschnitte hinterfragt: DB-Watch dokumentiert auf diesen Seiten die Entwicklung dieses Konzepts zur Streckensanierung von der ersten Verkündung der Pläne, die Ausarbeitung eines Konzepts über die Umsetzung bis hin zur Fertigstellung.

Fortschrittsanzeiger zur Korridorsanierung

Stand: 29. Juni 2026 • © DB-watch.de • Infografik: alicelandsiedel.de

News zur Korridorsanierung

  • Mehrfach bitter: Korridorsanierung Hamburg – Berlin wird nach Verzögerungen nochmal teurer

    Mehrfach bitter: Korridorsanierung Hamburg – Berlin wird nach Verzögerungen nochmal teurer

    Die Negativ-Serie beim DB-Konzern hört nicht auf – heute gab es gleich zwei unschöne Nachrichten zu Großprojekten der DB InfraGO: Das Bahnhofs- und Infrastrukturprojekt Stuttgart 21 wird nicht nur erst 2031 fertiggestellt, auch die Kosten steigen nochmal um 3 Milliarden Euro auf nunmehr 14,5 Milliarden Euro. Gleichzeitig wurden die geschätzten Gesamtkosten für die Korridorsanierung Hamburg – Berlin nach oben korrigiert. Aus 2,2 Milliarden Euro werden nun 2,7…

    Weiterlesen ⇨

  • Das Trainingslager ist lange beendet, wir sind in der K.o.-Phase, Dr. Nagl!

    Das Trainingslager ist lange beendet, wir sind in der K.o.-Phase, Dr. Nagl!

    Am 19. Juni berichtete die Süddeutsche Zeitung über den „Bahnsinn“ bei Großprojekten. Tenor: Die Deutsche Bahn AG tut sich mit Großprojekten aktuell sehr schwer. So weit, so bekannt. Irritierend ist allerdings eine Metapher des InfraGO-Vorstands Dr. Philipp Nagl: Er gesteht Schwierigkeiten bei Großprojekten ein. Es würden Erfahrungen im Konzern fehlen. Die scheint man wohl mit…

    Weiterlesen ⇨

  • Korridorsanierung Hamburg – Berlin (fast) abgeschlossen: Norddeutschland atmet verlangsamt auf

    Korridorsanierung Hamburg – Berlin (fast) abgeschlossen: Norddeutschland atmet verlangsamt auf

    Nach einer Sperrung von insgesamt zehneinhalb Monaten rollt der Zugverkehr auf der Strecke zwischen Hamburg und Berlin wieder. Insbesondere nach dem Chaos der vergangenen Wochen (u. a. Verkehrsrundschau vom 10. Juni 2026), vor allem rund um den Knoten Hannover, sorgt das für Entlastung.

    Weiterlesen ⇨

  • Zu früh gefreut: Störung auf frisch eröffnetem Umleiter und Knoten kurz vor dem Infarkt

    Zu früh gefreut: Störung auf frisch eröffnetem Umleiter und Knoten kurz vor dem Infarkt

    Nachdem wir gestern noch die erfreulich reibungsfreie Inbetriebnahme des ersten Teilabschnitts nach der Korridorsanierung Hamburg – Berlin vermeldet hatten, meldete sich die Realität des deutschen Schienennetzes schnell zurück. Die InfraGO nahm am 15. Mai den Streckenabschnitt zwischen Hamburg und Hagenow in Betrieb, um Verkehre Richtung Nordost und eine wertvolle Umleitung nach Berlin zu ermöglichen.

    Weiterlesen ⇨

Hintergründe

Der Ansatz der Bahnreform, die Sanierung der teilweise noch aus dem 19. Jahrhundert stammenden Infrastrukturelemente allein durch Einnahmen der DB und ohne staatliche Mittel zu finanzieren, ist gescheitert. Das Durchschnittsalter der Infrastruktur ist immer weiter gestiegen und nach Angaben der Gewerkschaft EVG hat sich ein Sanierungsbedarf von 87 Milliarden Euro aufgetürmt. Erst nach der gescheiterten Bahnprivatisierung begann der Bund 2009 überhaupt wieder – wie bei anderen Verkehrswegen, z. B. Straßen, vollkommen üblich – Mittel in die Sanierung des bestehenden Netzes zu leiten. Das war allerdings über drei „Leistungs- und Finanzierungsvereinbarungen“ hintereinander so wenig, dass die durchschnittliche Alterung der Anlagen bis 2030 weiter steigen würde. Jedoch wurde mit der 2018 abgeschlossenen LuFV III immerhin mit rund 8,6 Milliarden Euro pro Jahr so viel Geld für Baumaßnahmen im bestehenden Netz vorgesehen, dass zusammen mit bestimmten Zusatzprogrammen (Lärmschutz, barrierefreie Bahnhöfe, Seehafen-Hinterlandprogramm, etc.) das Baugeschehen immer weiter zunahm. Die für geplante Baustellen notwendigen Sperrungen von Gleisen erfordern, dass Zugzahlen verringert werden und Umleitungen im Güter- und Fernverkehr sowie Schienenersatzverkehre im Personennahverkehr bereitstehen. Das alles, zusammen mit den wachsenden Störungen altersschwacher Anlagenbestandteile (v. a. Bahnübergänge, Weichen und Signale), führt durch die geringere Kapazität zu immer mehr Fahrplanabweichungen im Betrieb, die wiederum den Fahrplan anderer Züge beeinträchtigen – bis zu dem Effekt, dass die Verspätung eines Zuges am Ziel auch die folgende Abfahrt in die umgekehrte Richtung verspätet starten lässt.

Notwendig ist, die nötige und noch anwachsende Sanierungstätigkeit möglichst verkehrsschonend zu organisieren. Das ist schwer, denn der Bund und die DB haben seit vielen Jahren entgegen politischen Äußerungen kaum Strecken neu- oder ausgebaut oder nachelektrifiziert.

Das Schienennetz hat, anders als etwa das Straßennetz, nur geringe Reserven für Verkehre, die Baustellen umfahren müssen. Und auch die anspruchsvollen Ziele von Politik und Branche, im Zeichen des Klimawandels die Gesamtleistung der Schiene hochzufahren und Verkehre von der Straße zu verlagern, macht die Bestandsnetzorganisation nicht leichter.

Laut DB-Themendienst galten 2022 über 3.500 Kilometer von insgesamt 33.400 Kilometern DB-Schienennetz als „hochbelastete Strecken“. Auf diesen zehn Prozent verkehren rund 25 Prozent aller Züge. Das sind in der Regel schnellere Fernverkehrs- und Züge des Güter- und Personennahverkehrs im sogenannten „Mischbetrieb“. Durch die hohe Belastung steigt auch die Anfälligkeit für Störungen auf diesen Strecken.

Im Jahr 2022 legten alle Züge zusammen 1,165 Milliarden sogenannte Zugkilometer zurück (Marktuntersuchung Eisenbahnen 2023). Im Schnitt steigt der Wert über einen längeren Zeitraum um etwas mehr als ein Prozent pro Jahr. Dass die Summe der beförderten Menschen und Güter stärker gestiegen ist, liegt an der ebenfalls gesteigerten Auslastung der Züge. Bis 2030 rechnet die DB mit einem weiteren Zuwachs von 15 Prozent an Zugkilometern und hat in ihrer Strategie „Starke Schiene“ das Ziel formuliert, dass im Jahr 2030 die Zugkilometer 30 Prozent über dem Wert von 2018 liegen sollen. Die Konzentration der zu geringen Modernisierungsmittel auf ein „Kernnetz“ führt nun mit dazu, dass dort auch der größte Nachfragezuwachs erwartet wird. Bis 2030 prognostiziert die DB dementsprechend, dass das hoch belastete Netz auf über 9.000 Kilometer anwachsen wird.

Dies sind alle Korridore, die die DB „generalsanieren“ möchte:

  1. Mannheim – Frankfurt (Riedbahn) (15. Juli bis 14. Dezember 2024)
  2. Emmerich – Oberhausen (15. Februar bis 14. Dezember 2025)
  3. Hamburg – Berlin (01. August 2025 bis 13. Juni, ursprünglich 30. April)
  4. Hagen – Wuppertal – Köln (06. Februar bis 10 Juli 2026)
  5. Nürnberg – Regensburg (06. Februar bis 10. Juli 2026 (Personenverkehr) und bis 31. Juli (Güterverkehr))
  6. Hamburg – Hannover* (Zeitraum 01. Mai 2026 bis 10. Juli 2027; Sperrung in Reaktion auf die Verzögerung zwischen Hamburg – Berlin angepasst und aufgeteilt: 01. Mai bis 15. Mai/15. Mai bis 13. Juni/14. Juni bis 10. Juli)
  7. Obertraubling – Passau (14. Juni bis 11. Dezember 2026)
  8. Troisdorf – Wiesbaden (10. Juli bis 11. Dezember 2026)
  9. Rosenheim – Salzburg (05. Februar bis 09. Juli 2027)
  10. Lehrte – Berlin (05. Februar bis 10. Dezember 2027)
  11. Bremerhaven – Bremen (09. Juli bis 10. Dezember 2027)
  12. Fulda – Hanau (16. August 2027 bis 02. Februar 2028)
  13. Köln – Mainz (04. Februar bis 07. Juli 2028)
  14. München – Rosenheim (21. Januar bis 23. Juni 2028)
  15. Hagen – Unna – Hamm (21. Januar bis 23. Juni 2028)
  16. Lübeck – Hamburg (23. Juni bis 08. Dezember 2028)
  17. Hamburg – Hannover (05. Januar bis 22. Juni 2029)
  18. Würzburg – Ansbach – Treuchtlingen (05. Januar bis 22. Juni 2029)
  19. Forbach – Ludwigshafen (22. Juni bis 07. Dezember 2029)
  20. Aachen – Köln (22. Juni bis 07. Dezember 2029)
  21. Stuttgart – Ulm (11. Januar bis 28. Juni 2030)

22. Stendal – Magdeburg (11. Januar bis 28. Juni 2030)
23. Uelzen – Stendal (28. Juni bis 13. Dezember 2030)
24. Frankfurt – Heidelberg (28. Juni bis 13. Dezember 2030)
25. Mannheim – Karlsruhe (10. Januar bis 27. Juni 2031)
26. Lehrte – Groß-Gleidingen (10. Januar bis 27. Juni 2031)
27. Bremen – Hamburg (27. Juni bis 12. Dezember 2031)
28. Würzburg – Nürnberg (27. Juni bis 12. Dezember 2031)
29. Bebra – Erfurt (09. Januar bis 25. Juni 2032)
30. Bebra – Fulda (09. Januar bis 25. Juni 2032)
31. Münster – Recklinghausen (25. Juni bis 10. Dezember 2032)
32. Weddel – Magdeburg (25. Juni bis 10. Dezember 2032)
33. Bremen – Osnabrück (07. Januar bis 24. Juni 2033)
34. Osnabrück – Münster (07. Januar bis 24. Juni 2033)
35. Hamm – Düsseldorf – Köln (24. Juni bis 09. Dezember 2033)
36. Bremen/Rotenburg – Wunstorf (06. Januar bis 23. Juni 2034)
37. Kassel – Friedberg (23. Juni bis 08. Dezember 2034)
38. Ulm – Augsburg (23. Juni bis 08. Dezember 2034)
39. Minden – Wunstort (05. Januar bis 22. Juni 2035)
40. Nordstemmen – Göttingen (22. Juni bis 07. Dezember 2035)
41. Flensburg – Hamburg (11. Januar bis 27. Juni 2036)

*die DB zählt diese Sperrung 2026 nicht offiziell als Korridorsanierung, sondern es werden „vorbereitende Maßnahmen“ in Vollsperrung umgesetzt

Karte geplanter Korridorsanierungen

Infor­mationen für die Redaktion

Sie haben einen Hinweis an unsere Redaktion oder möchten Kontakt aufnehmen?
Dann schreiben Sie uns gerne über das Kontaktformular und wir kümmern uns schnellstmöglich darum. Vielen Dank.