Korridorsanierung

Recherchen zum Deutsche-Bahn-Projekt der Korridorsanierung

Worum geht es?

Die Schieneninfrastruktur ist in einem desolaten Zustand. Während die Fahrgastzahlen und Mengen transportierter Güter in den vergangenen 20 Jahren fast kontinuierlich stiegen, wurden im Schienennetz sogar Gleise, Weichen und weitere essenzielle Infrastruktur abgebaut.

Am 22. Juni 2022 kündigte die Deutsche Bahn das Konzept der Korridorsanierung an. Der damalige Bundesverkehrsminister Volker Wissing bestärkte den Plan und erklärte die Ertüchtigung des deutschen Schienennetzes in der Bundespressekonferenz zur „Chefsache“.

Das Projekt hat mit der Riedbahn, deren Sanierung Ende 2024 fertiggestellt wurde, begonnen. Jahr für Jahr sollen weitere Korridore folgen.

Statt wie bisher die Sanierung „unterm rollenden Rad“ durchzuführen – das heißt im laufenden Betrieb – wird auf ausgewählten hochbelasteten Strecken ein anderes Konzept angewendet: Keine häufigen, kurzzeitigen Sperrungen, die nur einzelne Maßnahmen zulassen, sondern kilometerlange Abschnitte vollsperren, um alle notwendigen Maßnahmen „in einem Rutsch“ umzusetzen.

In Gesprächen mit der Schienenbranche hat die DB ihre Überlegungen vorgestellt, bis einschließlich 2030 das Konzept auf 42 Korridoren mit im Schnitt 100 Kilometern Länge anwenden zu wollen. Auch wenn die schwarz-rote Koalition einige Abschnitte hinterfragt: DB-Watch dokumentiert auf diesen Seiten die Entwicklung dieses Konzepts zur Streckensanierung von der ersten Verkündung der Pläne, die Ausarbeitung eines Konzepts über die Umsetzung bis hin zur Fertigstellung

Fortschrittsanzeiger zur Korridorsanierung

Stand: 19. Juni 2025 • © DB-watch.de • Infografik: alicelandsiedel.de

News zur Korridorsanierung

Hintergründe

Der Ansatz der Bahnreform, die Sanierung der teilweise noch aus dem 19. Jahrhundert stammenden Infrastrukturelemente allein durch Einnahmen der DB und ohne staatliche Mittel zu finanzieren, ist gescheitert. Das Durchschnittsalter der Infrastruktur ist immer weiter gestiegen und nach Angaben der Gewerkschaft EVG hat sich ein Sanierungsbedarf von 87 Milliarden Euro aufgetürmt. Erst nach der gescheiterten Bahnprivatisierung begann der Bund 2009 überhaupt wieder – wie bei anderen Verkehrswegen wie Straßen vollkommen üblich – Mittel in die Sanierung des bestehenden Netzes zu leiten. Das war allerdings über drei „Leistungs- und Finanzierungsvereinbarungen“ hintereinander so wenig, dass die durchschnittliche Alterung der Anlagen bis 2030 weiter steigen würde. Jedoch wurde mit der 2018 abgeschlossenen LuFV III immerhin mit rund 8,6 Milliarden Euro pro Jahr so viel Geld für Baumaßnahmen im bestehenden Netz vorgesehen, dass zusammen mit bestimmten Zusatzprogrammen (Lärmschutz, barrierefreie Bahnhöfe, Seehafen-Hinterlandprogramm, etc.) das Baugeschehen immer weiter zunahm. Die für geplante Baustellen notwendigen Sperrungen von Gleisen erfordern, dass Zugzahlen verringert werden und Umleitungen im Güter- und Fernverkehr sowie Schienenersatzverkehre im Personennahverkehr bereitstehen. Das alles, zusammen mit den wachsenden Störungen altersschwacher Anlagenbestandteile (v. a. Bahnübergänge, Weichen und Signale), führt durch die geringere Kapazität zu immer mehr Fahrplanabweichungen im Betrieb, die wiederum den Fahrplan anderer Züge beeinträchtigen – bis zu dem Effekt, dass die Verspätung eines Zuges am Ziel auch die folgende Abfahrt in die umgekehrte Richtung verspätet starten lässt.

Notwendig ist, die nötige und noch anwachsende Sanierungstätigkeit möglichst verkehrsschonend zu organisieren. Das ist schwer, denn der Bund und die DB haben seit vielen Jahren entgegen politischen Äußerungen kaum Strecken neu- oder ausgebaut oder nachelektrifiziert.

Das Schienennetz hat, anders als etwa das Straßennetz, nur geringe Reserven für Verkehre, die Baustellen umfahren müssen. Und auch die anspruchsvollen Ziele von Politik und Branche, im Zeichen des Klimawandels die Gesamtleistung der Schiene hochzufahren und Verkehre von der Straße zu verlagern, macht die Bestandsnetzorganisation nicht leichter.

Laut DB-Themendienst galten 2022 über 3.500 Kilometer von insgesamt 33.400 Kilometern DB-Schienennetz als „hochbelastete Strecken“. Auf diesen zehn Prozent verkehren rund 25 Prozent aller Züge. Das sind in der Regel schnellere Fernverkehrs- und Züge des Güter- und Personennahverkehrs im sogenannten „Mischbetrieb“. Durch die hohe Belastung steigt auch die Anfälligkeit für Störungen auf diesen Strecken.

Im Jahr 2022 legten alle Züge zusammen 1,165 Milliarden sogenannte Zugkilometer zurück (Marktuntersuchung Eisenbahnen 2023). Im Schnitt steigt der Wert über einen längeren Zeitraum um etwas mehr als ein Prozent pro Jahr. Dass die Summe der beförderten Menschen und Güter stärker gestiegen ist, liegt an der ebenfalls gesteigerten Auslastung der Züge. Bis 2030 rechnet die DB mit einem weiteren Zuwachs von 15 Prozent an Zugkilometern und hat in ihrer Strategie „Starke Schiene“ das Ziel formuliert, dass im Jahr 2030 die Zugkilometer 30 Prozent über dem Wert von 2018 liegen sollen. Die Konzentration der zu geringen Modernisierungsmittel auf ein „Kernnetz“ führt nun mit dazu, dass dort auch der größte Nachfragezuwachs erwartet wird. Bis 2030 prognostiziert die DB dementsprechend, dass das hoch belastete Netz auf über 9.000 Kilometer anwachsen wird.

Dies sind alle Korridore, die die DB „generalsanieren“ möchte:

  1. Mannheim – Frankfurt (Riedbahn) (15. Juli bis 14. Dezember 2024)
  2. Emmerich – Oberhausen (15. Februar bis 14. Dezember 2025)
  3. Hamburg – Berlin (01. August 2025 bis 20. April 2026)
  4. Hagen – Wuppertal – Köln (06. Februar bis 10 Juli 2026)
  5. Nürnberg – Regensburg (06. Februar bis 10. Juli 2026)
  6. Hamburg – Hannover (erster Teil 2026)
  7. Obertraubling – Passau (10. Juni bis 11. Dezember 2026)
  8. Koblenz – Wiesbaden (10. Juli bis 11. Dezember 2026)
  9. Frankfurt – Heidelberg (05. Februar bis 9. Juli 2027)
  10. Rosenheim – Salzburg (05. Februar bis 09. Juli 2027)
  11. Berlin – Lehrte (05. Februar bis 10. Dezember 2027)
  12. Bremerhaven – Bremen (09. Juli bis 10. Dezember 2027)
  13. Fulda – Hanau (16. August 2027 bis 28. Januar 2028)
  14. München – Rosenheim (21. Januar bis 23. Juni 2028)
  15. Hagen – Unna – Hamm (21. Januar bis 07. Juli 2028)
  16. Köln – Mainz (04. Februar bis 07. Juli 2028)
  17. Lübeck – Hamburg (23. Juni bis 08. Dezember 2028)
  18. Würzburg – Ansbach – Treuchtlingen (05. Januar bis 22. Juni 2029)
  19. Hamburg – Hannover (zweiter Teil 05. Januar bis 22. Juni 2029)
  20. Aachen – Köln (22. Juni bis 07. Dezember 2029)
  21. Forbach – Ludwigshafen (22. Juni bis 07. Dezember 2029)
  22. Stuttgart – Ulm (11. Januar bis 28. Juni 2030)

23. Uelzen – Stendal (28. Juni bis 13. Dezember 2030)
24. Stendal – Magdeburg (11. Januar bis 28. Juni 2030)
25. Lehrte – Groß-Gleidingen (10. Januar bis 27. Juni 2031)
26. Mannheim – Karlsruhe (10. Januar bis 27. Juni 2031)
27. Bremen – Hamburg (27. Juni bis 12. Dezember 2031)
28. Würzburg – Kitzingen – Nürnberg (27. Juni bis 12. Dezember 2031)
29. Bebra – Erfurt (09. Januar bis 25. Juni 2032)
30. Bebra – Fulda (09. Januar bis 25. Juni 2032)
31. Weddel – Magdeburg (25. Juni bis 10. Dezember 2032)
32. Münster – Recklinghausen (25. Juni bis 10. Dezember 2032)
33. Bremen – Osnabrück (07. Januar bis 24. Juni 2033)
34. Osnabrück – Münster (07. Januar bis 24. Juni 2033)
35. Hamm – Düsseldorf – Köln (24. Juni bis 09. Dezember 2033)
36. Bremen/Rotenburg – Wunstorf (06. Januar bis 23. Juni 2034)
37. Kassel – Gießen – Friedberg (23. Juni bis 08. Dezember 2034)
38. Ulm – Augsburg (23. Juni bis 08. Dezember 2034)
39. Minden – Wunstort (05. Januar bis 22. Juni 2035)
40. Nordstemmen – Göttingen (22. Juni bis 07. Dezember 2035)
41. Hamburg-Flensburg (11. Januar bis 27. Juni 2036)

Die Korridore Fulda – Flieden, Flieden – Hanau und Aschaffenburg – Gemünden wurden ab dem 15. September 2023 zunächst nicht weiter für die Korridorsanierung berücksichtigt.

Infor­mationen für die Redaktion

Sie haben einen Hinweis an unsere Redaktion oder möchten Kontakt aufnehmen?
Dann schreiben Sie uns gerne über das Kontaktformular und wir kümmern uns schnellstmöglich darum. Vielen Dank.